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Die
Ausgangssituation im Juli 2008
„Es
reicht!“ Mit diesen zwei Worten kündigte Vizekanzler und ÖVP-Finanzminister
Wilhelm Molterer am
Morgen des 7. Juli 2008 nach ausführlichen internen Beratungen
via Pressekonferenz das Ende der nur 18 Monaten dauernden
Koalition an und leitete somit die vorgezogenen Neuwahlen ein.
„Gusenbauer wurde dann das erste personelle Opfer der
Neuwahl“ schrieb Wolfgang Sablatnig (Tiroler Tageszeitung, 8.
Juli 2008), denn zeitgleich schlug nur „wenige Straßen
weiter“ Bundeskanzler Alfred Gusenbauer dem SPÖ-Parteipräsidium
vor, dass der neue SPÖ-Vorsitzende Werner Faymann auch als
Spitzenkandidat die SPÖ in den Wahlkampf führen sollte.
Der Vorschlag wurde angenommen. Damit war eingetreten,
was seit langem erwartet wurde. Was hatte nun zu diesem von
vielen ÖsterreicherInnen fast schon ersehnten „Ende mit
Schrecken“ geführt?
Die
am 11. Jänner 2007 unter heftigsten Protesten – vor allem von
( auch SPÖ-nahen) Studenten! -angelobte SPÖ/ÖVP-Koalitionsregierung
unter Kanzler Dr. Alfred Gusenbauer hatte zu keinem Zeitpunkt
besonders harmoniert. Nachdem es Gusenbauer nicht gelungen war,
die von ihm stets ganz vehement versprochene "Abschaffung der
Studiengebühren" ins Koalitionsabkommen hinein zu verhandeln
sorgten die Studentenproteste für eine erste massive Schwächung
des neuen Kanzlers schon vor seiner eigentlichen Angelobung und
überschatteten das erste Regierungsmonat und das erreichte
Doppelbudget für 2007/2008. Auch das zweite Reizthema zwischen
den Koalitionspartnern war ein SPÖ-Kernthema: die "Gesamtschule",
die von der neuen SPÖ-Bildungsministerin Dr. Claudia Schmied,
zwei Monate nach ihrem Arbeitsantritt in die öffentliche
Diskussion gebracht wurde und die eine Welle von Diskussionen
bis zur Sommerpause des Parlamentes bewirkte. Nach diesem
polarisierenden bildungspolitischen Regierungs-Auftakt hätte es
nach dem ersten Halbjahr und den Ferien zu einer Beruhigung
kommen können. Die Chance wurde aber nicht genützt.
Über
die wirklich großen Themen wie Pensionsreform, Steuerreform,
Pflegefinanzierung, Beamtendienstrecht, Verwaltungsreform,
Gesundheitsreform wurde zwar trefflich gestritten, aber zu
wirklichen Ergebnissen kam die Koalition nicht. Und während in
Graz, in Niederösterreich und in Tirol Wahlen vorbereitet
wurden kam es besonders nach dem Jahreswechsel zu enormen
Preissteigerungen bei den Lebensmitteln und dem Öl (Benzin und
Heizl), die nach einem Teuerungsausgleich oder nach staatlicher
Lenkung verlangten, auf die man sich aber durch die andauernden
Koalitionskrisen nicht einigen konnte. Die drei Wahlen brachten
dann vor allem für SPÖ empfindliche Verluste, was SPÖ-intern
zu immer größerer Nervosität und zu heftigen Differenzen führte.
Konnte nach der niederösterreichischen Wahl (mit einem SPÖ-Minus
von 8 Prozentpunkten) gerade noch ein Osterfriede mit einem
anschließenden „Neustart“ erzielt werden, kam es schließlich
nach der durch die permanenten Neuwahlgerüchte inzwischen vom
September auf 8. Juni vorgezogenen Tiroler Landtagswahl
vorzeitigen Koalitionsende.
Und zwar nicht etwa nur durch das überraschende Ergebnis des „ÖVP-Rebellen“
und Ex-AK-Präsidenten von Tirol, Fritz Dinkhauser (er hatte auf
Anhieb, 18,35 Prozent erreicht und bescherte auch den Grünen
herbe Verluste) und durch die empfindlichen Einbußen der beiden
Regierungsparteien, ÖVP und SPÖ. Der eigentliche Grund war,
dass ÖVP und SPÖ trotz der Verluste eine neuerliche
Regierungskoalition gebildet hatten, die vielgescholtene "Koalition
der Verlierer". Dabei wurden die Regierungsmitglieder
zu Dreiviertel erneuert, was vorerst auch in Wien (Regierung und
Parlament) für Personalrochaden sorgte: Sowohl ein ÖVP-Minister, Günther
Platter (Innenministerium) als auch zwei Nationalräte (Gerhard Reheis, SPÖ, und Gerald
Hauser, FPÖ) kehrten aus Wien nach Tirol zurück. Günther
Platter wurde der neue Landeshauptmann von Tirol, ihm folgte die
ÖVP-Volksanwältin Maria Fekter als Ministerin nach. Gerhard
Reheis wurde SPÖ-Soziallandesrat und legte sein NR-Mandat sowie
das Bürgermeisteramt von Imst zurück. Er wurde durch Hedwig
Wechner, Vizebürgermeisterin von Wörgl, ersetzt. Gerald Hauser zog als
Landtagsabgeordneter und FPÖ-Landtagsklubchef ins Landhaus ein.
Ihm folgte Hartmann
Lautenschlager in den Nationalrat.
In der Folge verlor die SPÖ auch noch den Bürgermeistersessel
von Imst an die ÖVP (Gebhard Mantl), an die sie vor Jahren schon
eine Gemeinderätin im fliegenden Wechsel verloren hatte.
Aber
auch in der in der Bundes-SPÖ gab es Konsequenzen: So übergab
SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer am 16. Juni den SPÖ-Vorsitz an Infrastrukturminister
Werner Faymann. Gleichzeitig übernahm die Frauenministerin
Doris Bures die alleinige SPÖ-Geschäftsführung von Josef
Kalina und Reinhard Winterauer, die beide ausschieden.
Beamten-Staatsekretärin Heidrun Silhavy folgte Bures als
Frauenministerin, und der außenpolitische Sprecher und SPÖ-Nationalrat
Andreas Schieder folgte
Silhavy wiederum als Staatssekretär. Auch Gusenbauers
Pressesprecher Stefan Pöttler verließ die SPÖ.
Schon
allein die Installierung der ungewohnten „SPÖ-Doppelführung“
und das Personenkarussell wurde internen und
externen heftig diskutiert. Das trat allerdings wenig später durch
einen weiteren Paukenschlag in den Hintergrund: Gusenbauer und
Faymann kündigten in einem am 27. Juni erschienenen Leserbrief
an den Herausgeber der „Kronen“-Zeitung, Hans Dichand, einen
„EU-Schwenk“ der SPÖ an. Die SPÖ wolle als Reaktion auf
den zunehmen EU-Skeptizismus in der Bevölkerung künftige neue
EU-Verträge durch eine Volksabstimmung anerkennen lassen.
Dieser
„populistische Kniefall vor dem Boulevard“, die gescheiterte
Gesundheitsreform und die fehlende Einigung über den Termin der
Steuerreform führten endgültig zum Koalitions-Aus. Nach
Molterers Ankündigung „Es reicht!“ wurde im Rahmen der
letzten Sitzung des Nationalrates vor der Sommerpause am
8. Juli der Wahltermin 28.
September beschlossen, kurz nachdem die neuen
Regierungsmitglieder angelobt worden waren. Der 12-wöchige
Wahlkampf startete umgehend.
Damit
war es für die SPÖ aber noch nicht genug: Nationalrat Josef
Broukal, der Promi-Quereinsteiger, des
Nationalratswahlkampfes 2002 und „beinahe-Bildungsminister“,
kündigte seinen Rückzug aus der Politik an, nachdem er
erfolglos versucht hatte, in dieser letzten Nationalratssitzung
vor der Sommerpause noch einen Beschluss zur Abschaffung der
Studiengebühren im Parlament zu erwirken.
In
Kärnten trat die SPÖ-Obfrau Gaby
Schaunig vom BZÖ-Landeshauptmann Jörg Haider dauer-genervt
zurück. Ihr folgte Landesrat Rainhard Rohr als Kärntner SPÖ-Chef.
Damit
– und mit der Ankündigung des so erfolgreichen Tiroler
Newcomers Fritz
Dinkhauser, auch bei der Nationalratswahl anzutreten
eventuell mit dem „EU-Rebellen“ Hans
Peter
Martin,
der allerdings schon bei der Wahl 2006 den einzug ins
Parlamentklar verfehlt hatte - startete ein sehr spannender Wahlkampf, an dessen
Beginn alles so offen war wie noch nie.
Nur eines schien sicher: die Zeichen der Zeit standen für Neue
Listen und Kleinparteien so günstig wie noch nie.
In
de zwölften Vorwahlwoche gab es aber noch zwei Ereignisse, die für
Schlagzeilen sorgten: Nach 117 Verhandlungstagen erfuhren die
neun Angeklagten des BAWAG-Prozesses ihre Urteile: 35 Jahre
Haft, 9,5 alleine für den Hauptangeklagten Helmut Elsner. Und
auch der Herberstein-Prozess wurde abgeschlossen: Urteil: 15
Monat unbedingt für die Steirerin Andrea
Herberstein. Schaden: € 272.657.
Das war die Ausgangslage am
Wahlkampfauftakt.
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